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Zwischen Bundeswehr, Rock'n Roll und Bayernkönig.

Peter M. Roese erzählt in "Allgäu-Sixties" vom Lebensgefühl der Jugendlichen in den 60er Jahren


Man traf sich im Eiscafe Portofino oder im Ringcafe ...

Dieses Buch ist mehr als eine nostalgische Erinnerung an eine Zeit, die fast 50 Jahre zurückliegt. Eine Zeit ohne I-Phone und Internet. Jugendliche kommunizierten damals direkt. Entweder beim wöchentlichen Treff am ‚Mäucherchen' an der Ecke; in Eiscafe's oder einschlägigen Tanzlokalen. Gesprächsstoff gab es immer .. und jede Menge Spaß. Man lästerte über das Unverständnis der Elterngeneration, die die damalige Beat-und Rockmusik noch als ‚Hotten-Totten' oder ‚Negermusik' bezeichneten. Die wenigsten besaßen ein Auto. Wer ein Moped besaß, war bei den Mädels schon der King ...

Peter M. Roese: Autor des Kult-Romans 'Allgäu Sixties'
Foto links: Peter M. Roese, Autor des Kult-Romans 'Allgäu Sixties'.

Erzählt wird die Geschichte des Luftwaffensoldaten Rossner, gleichzeitig Protagonist der Handlung über eine Zeitspanne von ca. 6 Jahren; von den frühen 60-ern bis Anfang der 70er Jahre. Sein Leben in und mit der Truppe - mit Standort in Kaufbeuren; seine Erlebnisse im Kreise seiner Clique und Freunde. Es wird nichts ausgelassen. Das damalige ‚Rumhängen' in der Kaserne an Wochenenden (weil die Heimfahrt zu teuer war) bis zur Ausflugsfahrt mit der Angebeteten im 'Karmann-Ghia. Aber auch die erste Liebelei am Waldrand, und die darauffolgende Abfuhr seiner ‚Flamme' - wie die heimlichen Partys seiner Cliquen-Freundin in der elterlichen Wohnung, gehören ebenso dazu, wie äußerst amüsante Dialoge mit dem ihm vorgesetzten Bundeswehr-Offizieren.

Luftwaffensoldat Rossner gibt Einblick in das Leben eines Bunderwehrsoldaten der unteren Ebene, ohne damalige 'Geheimnisse' zu verraten. Er liebte den Bund. Man erfährt einiges über den Soldaten-Alltag, aber auch über die damalige Technik der Bundeswehr. Der Autor selbst bezeichnet sein Buch als eine olivgrün angehauchte Liebeserklärung an die damalige Zeit.

Die 'Wurli' spielte die besten Hits ...

‚Allgäu-Sixties' beschreibt amüsant und unterhaltsam den damaligen Zeitgeist und das Lebensgefühl der Jugendlichen in den 60er Jahren. Die Mädels schwärmten von den Beatles und den Rolling-Stones - die Jung's versuchten so zu sein wie ihre musikalischen Vorbilder. Alle träumten von der großen Musik-Karriere. Da die damals angesagten Bands oftmals nur in den großen Städten spielten, versuchten viele Jung's es ihnen nachzueifern und gründeten eigene Bands. Viele von ihnen spielten sehr gut, so auch die Jung's von der ‚Caddy Group' , die die Provinz richtig aufmischten. Sie galten als die ‚lokalen Beatles' der Region, die von den Mädchen der Stadt umschwärmt wurden. Und wer nicht das Talent für ein Musikintrument hatte, beobachtete fasziniert den sichelförmigen Greifarm der 'Wurli', der die aktuellste schwarze Scheibe auf den Plattenteller legte.

Gesellschaftskritisch ...

‚Allgäu-Sixties geht immer wieder begleitend auf Ereignisse der damaligen Zeit ein. So die Studentenunruhen gegen die Springer-Presse, der Tod von Benno Ohnesorg beim Schah-Besuch in West-Berlin. Bundeskanzler Kiesinger bekam öffentlich eine Ohrfeige und der Vietnam-Krieg wurde zum Albtraum des US-Millitärs. Und dazwischen immer wieder der Konflikt zwischen den Generationen. Die Älteren bezeichneten Beat-und Rockmusik noch als ‚Hotten-Totten' und 'Negermusik'. Die Einschalten der TV-Sendung ‚Beat-Club ‚ wurde zum Machtkampf zwischen Eltern und ihren heranwachsenden Kindern. Die Mädels schminkten sich heimlich auf der Toilette des Tanzlokals, weil ihre Eltern sie so nicht sehen sollten. Der erste Minirock wurde oftmals versteckt.

Der Umgang mit dem anderen Geschlecht ...

Die oftmals prüden Moralansichten vieler Eltern führten dazu, das über Sex im Beisein der Eltern kaum gesprochen wurde. Mütter und Väter wachten über ihre halbwüchsigen Kinder mit geradezu keuscher Erziehung, was zur Folge hatte, das Jungen und Mädchen noch im Alter von über 18 Jahren nicht viel über ihren Körper wußten, und sich dementsprechend gehemmt gegenüber dem anderen Geschlecht verhielten. 'Allgäu-Sixties' greift auch dieses Thema auf. Das Buch ist mit ‚Herzblut' geschrieben. Eine Liebeserklärung an eine Zeit, die für Viele, die diese Zeit miterlebt haben, unvergesslich bleiben wird, ist sie doch ein Stück ihrer Jugend.

Der Autor Peter M. Roese beschreibt aber auch ein Stück Bundeswehr, die es in dieser Form heute nicht mehr gibt. Er erzählt die Geschichte des ‚modernen Soldaten Schwejck' alias Rossner, der mit viel Witz, Charme und Bauernschläue seine Bundeswehrzeit erlebte, und der in dieser Zeit vom eigentlich Noch-Jugendlichen zum erwachsenen Mann reifte.

No War Make Love ...

Dem erst nach seiner Bundeswehrzeit klar wurde, das die Welt damals doch nicht so heil war, wie man sie heute oftmals darstellt. Alle Welt sprach vom 'Flower Power' und vom 'No War Make Love', und doch stand die Welt damals am Rande eines möglichen Atomkrieges. So mußte auch Rossner wie viele andere vor und nach ihm erfahren, dass auch die schönste Zeit, die seiner eigenen Jugend, irgendwann mal vorbei ist.

Allgäu-Sixties - ein Buch mit Lokalkolorit, welches die Leser auch mit den Sehenswürdigkeiten der Region von Füssen, Kempten , Oberstdorf bis zu ‚Neuschwanstein' dem Schloß des Bayernkönigs Ludwig II. - bekannt macht, aber auch in die einschlägigen Eiscafe's, Tanzlokale und Jugendtreffs der Region entführt. Nicht als Reiseführer , sondern aus der höchstpersönlichen Sicht des jungen Luftwaffensoldaten Rossner und seiner Clique. Damals schon wurden die Weichen für sein späteres Leben gestellt, was Rossner zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wissen konnte ...

Allgäu-Sixties - ein Buch auch für jüngere Leser, die vom damaligen Lebensgefühl ihrer Eltern, vielleicht auch Großeltern erfahren wollen, als diese noch jung waren. (Klaus Schleser, Redaktion offpay.de)



Peter M. Roese “Allgäu Sixties” (www.infoverlag.de)
ISBN 978-3-88190-630-2 (320 Seiten, 14,80 Euro)